Sexualisierte Gewalt: Wissen & Schutz
Was bedeutet "sexualisierte Gewalt" und wie kommt sie vor?
Grundsätzlich wird "sexualisierte Gewalt" als Oberbegriff für verschiedene Handlungen bezeichnet, die einen massiven Eingriff in die Intimsphäre einer anderen Person gegen ihren Willen darstellen. Bei dieser Form von Gewalt werden sexuelle Handlungen als Instrument eingesetzt, um Macht und Gewalt auszuüben.
Sexualisierte Gewalt ist ein massiver Eingriff in die Intimsphäre einer anderen Person gegen ihren Willen und verletzt das sexuelle Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Wir sprechen von sexualisierter Gewalt auch dann, wenn Autorität, Macht oder Vertrauen gegenüber einem Kind/Jugendlichen benutzt werden, um eigene sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen.
Sexualisierte Gewalt schließt nicht automatisch körperliche Gewalt ein. Die Abstufungen bzw. Erscheinungsformen "sexualisierter Gewalt" sind sehr vielschichtig. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie sollten unbedingt ernstgenommen werden. Zum besseren Verständnis wird im Folgenden zwischen Grenzverletzung und sexuellem Übergriff unterschieden.
Eine Grenzverletzung geschieht, wenn Personen mit ihrem Verhalten bei Anderen eine Grenze überschreiten. Dies geschieht unabsichtlich oder aus fachlicher beziehungsweise persönlicher Unzulänglichkeit. Wichtig ist jedoch, grenzverletzendes Verhalten wahrzunehmen, anzusprechen und zu korrigieren, z.B. durch eine Entschuldigung.
Ob ein Verhalten/eine Äußerung als grenzverletzend eingeschätzt wird, hängt von der jeweils persönlichen Grenze und dem Empfinden des Gegenübers ab. Diese Grenze ist immer subjektiv und kann bei jedem Menschen unterschiedlich sein.
Im pädagogischen Miteinander einer Gruppe oder auf einer Freizeit lassen sich Grenzüber-schreitungen nicht immer vermeiden. Eine unbedachte Bemerkung, grobe Berührung oder ein Spiel, bei dem jemand ausgelacht wird, lässt sich kaum ganz unterbinden. Werden diese aber von den Verantwortlichen nicht erkannt und korrigiert, entwickelt sich schnell eine „Kultur“, die es in Kauf nimmt, dass gezielt beschimpft, gegrabscht oder ausgegrenzt wird. Dann wird „normal“, wogegen sich niemand wehrt. Die Folge ist: Der respektvolle Umgang stumpft ab und Grenzverletzungen nehmen zu.
Bei einem sexuellen Übergriff werden die Grenzen absichtlich, oft wiederholt verletzt.
Übergriffiges Verhalten passiert nicht mehr zufällig und nicht aus Versehen. Vielmehr wird die abwehrende Reaktion Betroffener bewusst missachtet, Kritik von anderen überhört und Verantwortung für das eigene Verhalten abgelehnt.
Diese Handlungen weisen eine große Bandbreite auf von scheinbar "harmlosen" verbalen Belästigungen, über sexistische Spiele bis hin zu schweren Formen von Vergewaltigung. Auch sexuell intendierte Handlungen ohne körperlichen Kontakt fallen darunter (z. B. Vorzeigen pornografischer Bilder). Manche Handlungen sind strafrechtlich relevant.
Reichen pädagogische Maßnahmen nicht aus, solches Verhalten zu stoppen, kann unter anderem eine Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII) drohen. Davor muss die kirchliche Jugendarbeit auf allen Ebenen Kinder und Jugendliche schützen. Übergriffiges Verhalten kann daher bei Honorarkräften und Hauptberuflichen zur Kündigung oder bei ehrenamtlichen Personen zum Ausschluss aus der Jugendpastoral führen.
Sexueller Missbrauch wird auch sexualisierte Gewalt genannt. Was das bedeutet und was man dagegen tun kann, das wird in einem kurzen Video von logo! (zdf.de) gut erklärt.
Hier der Link zum Video:
Die meisten Fälle (75%) finden im sozialen Nahraum von Kindern und Jugendlichen statt. 25% im engsten Familienkreis und 50% im weiteren Familien-, Freundes oder Bekanntenkreis (z.B. durch Nachbarn, Personen aus der Schule, aus Vereinen, aus dem Ehrenamt). Hier besteht ein Vertrauens-, Macht- und Abhängigkeitsverhältnis, das von der/dem Täter*in ausgenutzt wird.
Taten durch völlig fremde Personen sind eher die Ausnahme. Nur nicht im digitalen Raum; hier sind es vor allem Fremdtäter und -täterinnen, die sexuelle Kontakte über das Netz zu Minderjährigen suchen (Stichwort: Cybergrooming – gezielte Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen über das Internet). Die Chats sind oft sehr persönlich und intensiv, so dass bei Kindern und Jugendlichen leicht der Eindruck entstehen kann, dass sie nicht mit Fremden in Kontakt stehen. Das senkt die Hürde, entsprechende Gefahren und Risiken zu erkennen.
Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen kann grundsätzlich in allen gesellschaftlichen Schichten und in allen Milieus stattfinden.
Laut der polizeilichen Kriminalstatistik wurden 2022 in Deutschland 15.520 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch zur Anzeige gebracht. Bei den Betroffenen Personen sind zu ca. 74% Mädchen und 26% Jungen. Dazu kommen noch 1.583 Fälle von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen und Jugendlichen sowie 48.821 Fälle der Herstellung, des Besitzes oder der Verbreitung kinder- und jugendpornographischer Inhalte. Doch hier handelt es sich nur um das sog. Hellfeld. Experten schätzen das Dunkelfeld um ein Vielfaches höher ein.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass in Deutschland bis zu eine Million Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt durch Erwachsene erleben oder erlebt haben. Das entspricht, rein statistisch, rund ein bis zwei Kindern in jeder Schulklasse. Viele dieser Fälle sind nicht in der Kriminalstatistik ausgewiesen, weil sie nie angezeigt werden oder auch ansonsten unerkannt bleiben und sich nicht im Hellfeld abbilden.
Dunkelfeldforschungen haben ergeben, dass etwa jede*r siebte bis achte Erwachsene in Deutschland als Kind und/oder Jugendlicher sexuelle Gewalt erlebt hat.
(Quelle: Zwei Repräsentativumfragen der Arbeitsgruppe von Professor Fegert der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Ulm (Witt, Brown, Plener, Brähler, Fegert 2017; Witt, Rassenhofer, Allroggen, Brähler, Plener, Fegert 2019) sowie eine vorangegangene Studie von Häuser, Schmutzer, Brähler, Glaesmer und Heide (2011))
In diesen Zahlen sind Fälle von sexueller Gewalt durch andere Kinder oder Jugendliche nur zu einem kleinen Teil enthalten. 2018 fand im Rahmen einer Studie (www.speak-studie.de) eine Befragung von älteren Schüler*innen statt. Diese weisen darauf hin, dass Übergriffe durch andere Jugendliche eine häufige Form von Gewalt sind (sog. Peer-Gewalt).
Jedes Kind und jede*r Jugendliche kann von sexueller Gewalt betroffen werden. Unabhängig vom Alter, von Geschlecht, kulturellem und sozialem Hintergrund. Grundsätzlich machen Defizite jeder Art, z.B. emotionale Bedürftigkeit, körperliche Besonderheiten, fehlende Fürsorge der Eltern oder auch zu wenig Wissen über sexuelle Themen, machen Kinder und Jugendliche besonders verletzlich für sexuelle Gewalt. Besonders gefährdet, Missbrauch zu erleiden und damit alleine zu bleiben, sind Kinder und Jugendliche mit kognitiven und/oder körperlichen Behinderungen.
Diese Frage kann nicht allgemeingültig beantwortet werden, da es keine
eindeutigen Symptome bzw. absolut sichere Anzeichen gibt.
Jeder Mensch ist individuell, reagiert anders, wenn er*sie sexualisierter Gewalt ausgesetzt ist und verarbeitet solche Erfahrungen auch auf seine eigene Weise.
In vielen Fällen kommt es jedoch zu einer Verhaltensänderung der betroffenen Person. Diese Veränderung(en) muss/müssen nicht zwangsläufig von sexualisierter Gewalt ausgelöst werden, sondern kann/können auch von anderen einschneidenden und möglicherweise traumatisierenden Erlebnissen herrühren, z.B. Trennung der Eltern, häusliche Gewalt, Mobbing etc.
Mögliche Anzeichen / Signale bei Kindern können sein: Distanzloses Verhalten, stark sexualisiertes Verhalten (z.B. auffällig sexualisierte Sprache, intensive Beschäftigung mit Doktorspielen über das normale Maß hinaus und Nachspielen des Erlebten durch Rollenspiele), plötzlich starke Veränderung (z.B. Rückzug, Aggression, Müdigkeit, Schreck-haftigkeit), Entwicklung von Ängsten, Kind will jemanden partout nicht mehr besuchen, den es früher sehr mochte
Mögliche Anzeichen / Signale bei Jugendlichen können sein: selbstver-letzendes Verhalten, Essstörungen, Sucht, zwanghaftes Verhalten (z.B. Sauberkeitszwang), große Angst vor Bindung, häufige Bauch-und Kopfschmerzen
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Wenn Sie solche Verhaltensveränderungen bei einem Kind oder Jugendlichen bemerken, ist es sinnvoll, dies weiter zu beobachten und die Auffälligkeiten aufzuschreiben. Zudem können Sie versuchen, mit dem Kind oder Jugendlichen behutsam ins Gespräch zu kommen, wie es ihr/ihm geht und signalisieren, dass Sie da sind, wenn er*sie gerne mit Ihnen sprechen möchte.
Das betroffene Kind/der*die betroffene Jugendliche muss zu jeder Zeit wissen, dass es*er*sie keinerlei Schuld hat.
Es gibt kein einheitliches Profil von Täter*innen. Sie können grundsätzlich aus allen Alters-, Gesellschafts- und Bildungsschichten stammen und sind i.d.R. Menschen, die sehr gut in unsere Gesellschaft integriert sind.
In etwa 75 bis 90 % der Fälle findet sexueller Missbrauch durch Männer und männliche Jugendliche statt, zu etwa 10 bis 25 % durch Frauen und weibliche Jugendliche.
In (internationalen) Studien wurde deutlich, dass in vielen Fällen ein wesentliches Motiv in dem Wunsch besteht, Macht auszuüben und einer anderen Person überlegen zu sein. Bei einigen Tätern und wenigen Täterinnen kommt eine sexuelle Fixierung auf Kinder hinzu, die sogenannte Pädosexualität.
Die weitverbreitete Annahme, dass alle Täter*innen psychisch krank sind, ist falsch und lässt den Eindruck entstehen, dass für ausgeübte Gewalt keine Verantwortung übernommen werden könne.
Kinder und Jugendliche können am besten geschützt werden, indem ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstbewusstsein gestärkt werden und sie Selbstsicherheit entwickeln (können). Kinder sollen lernen, dass Erwachsene / Leiter*innen nicht immer per se im Recht sind und sie sich nicht alles gefallen lassen müssen. In bestimmten Situationen haben Kinder / Jugendliche das Recht, NEIN zu sagen und Grenzen zu ziehen.
Im Idealfall ermutigen Eltern ihr Kind, Empfindungen und Gefühle zu erkennen und zu benennen und helfen ihnen, zu lernen, mit diesen umzugehen. Essentiell ist auch, dass Kindern / Jugendlichen vermittelt wird, dass sie jederzeit mit Mama und Papa reden können - besonders, wenn sie in eine schwierige Situation geraten sind oder dass sie sich an eine andere Vertrauensperson wenden können, um Hilfe und Unterstützung zu bekommen.
Die effektivste Prävention ist demnach eine Erziehungshaltung, die Kinder für das Leben stark macht (s. zartbitter-muenster.de):
„Wichtig ist, dass ihr Kind weiß, wie es sich in bestimmten Situationen verhalten soll und welche Rechte es Erwachsenen gegenüber hat. Dazu gehört vor allem das Recht NEIN sagen zu dürfen und zu können. Wer immer lieb und artig sein muss, lernt nicht, für sich einzustehen.
Selbstbewusste Kinder sind oft anstrengend und stoßen oft auf Missfallen, weil sie als eigensinnig gelten. Aber genau darauf kommt es an. Bequeme Kinder sind manchmal auch bequeme Opfer.
Kinder sollen mit ihren Gefühlen ernst genommen werden. Die innere Stimme, die ihnen sagt, was ihnen komisch vorkommt, darf nicht überhört, ausgeredet oder umgedeutet werden (z.B. "Stell Dich nicht so an, das tut doch gar nicht weh!"). Kinder müssen in ihrer eigenen Wahrnehmung gestärkt und unterstützt werden.
Schließen Sie das Thema "Sexueller Missbrauch" in der Erziehung und Aufklärung Ihres Kindes nicht aus. Reden Sie darüber sachlich und undramatisch mit Ihrem Kind. Liebe und Sexualität sollen ihm als positive Gefühle vermittelt werden. Deshalb wählen Sie für das Thema "Missbrauch" einen anderen Zeitpunkt als den, an dem Ihr Kind Sie neugierig nach Liebe und Sexualität fragt.“
Lesetipp für Eltern: Informationen für Mütter und Väter zur Thematik des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen
Ganz generell:
- Einsatz dafür, dass sich möglichst alle wohlfühlen
- Wertschätzenden und respektvollen Umgang pflegen, fördern und auch einfordern
- Grenzverletzendes Verhalten erkennen & korrigieren (= sensibel sein für sich selbst und andere!)
- Transparente, klare (Leitungs-)Strukturen schaffen
- Zuhören und besonnen handeln, wenn sich jemand anvertraut
- Ein gutes Beschwerde / Verbesserungsmanagement
- Kinder stark machen für ihre Rechte und dafür, für ihre Empfindungen einzustehen
In den letzten Jahren haben wir hilfreiche Materialien entwickelt, die zur Prävention von sexualisierter Gewalt in der (kirchlichen) Jugendarbeit genutzt werden kann. Unter diesem Link findet ihr auch Materialien, speziell zu Thema „Rechte für Mädchen und Jungen“, die ihr bei euren Gruppenstunden oder auf eurem Lager einsetzen könnt.
Die Materialien können bestellt werden und stehen zum Download bereit.
Fair unterwegs! ist unser Motto für Ferienfreizeiten, in denen ein grenzachtender Umgang miteinander selbstverständlich ist. Für die Vorbereitung und Durchführung von Ferienfreizeiten und die Schulung von Freizeitleitungen haben wir im Ordner „Schutz vor sexueller Gewalt auf Ferienfreizeiten“ Anregungen und Materialien zusammengestellt.
